Lederwalze 1920er-Jahre | © BJ. Lattner

Technik Forum Backnang Teil 1

Aufstieg und Niedergang der Backnanger Lederindustrie | Abteilung Gerberei

Folgende günstige Standortfaktoren sorgten dafür, dass sich in Backnang schon früh ein florierendes Gerberhandwerk ansiedelte: Rund um Backnang gab es viel Wald (Reichenberger Forst), so dass genügend Rinde für die pflanzliche Gerbung vorhanden war. Die Landwirtschaft in und rund um Backnang sorgte für die benötigten Tierhäute. Außerdem lieferte die Murr ausreichend und wohl auch hervorragend geeignetes Wasser für den Gerbprozess. Zudem lag Backnang verkehrsgünstig zwischen der Freien Reichsstadt Schwäbisch Hall und der Landeshauptstadt Stuttgart. Nicht zu Unrecht schmückte sich Backnang deshalb später mit dem bezeichnenden Beinamen „Die Süddeutsche Gerberstadt“.

Mit der zunehmenden Gewerbefreiheit durch die Auflösung der Zünfte im Jahr 1862, dem Einsatz von ersten Dampfmaschinen zur Energieversorgung zur selben Zeit und dem Anschluss an die Eisenbahn in den 1870er-Jahren waren die Grundvoraussetzungen gegeben, dass sich das Gerberhandwerk schnell industrialisierte. Zu den bedeutendsten Backnanger Unternehmen in diesem Bereich entwickelten sich die Lederfabriken Fritz Häuser, Carl Kaess und Louis Schweizer. Im Jahr 1907 beschäftigte die Backnanger Lederbranche bereits 782 Mitarbeiter – eine Zahl, die bis 1939 auf 1.750 anstieg, was mehr als ein Drittel aller damals in Backnang Beschäftigten ausmachte. Wie die gestiegene Mitarbeiterzahl verdeutlicht, vergrößerten sich viele der Backnanger Lederunternehmen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erheblich. Es entstanden auch architektonisch ansprechende Lederfabriken, von denen heute leider nur noch wenige Exemplare vorhanden sind – wie beispielsweise der markante Schweizer-Bau an der Bleichwiese.

Nachdem die Lederindustrie nach Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst stark unter dem vorherrschenden Rohstoffmangel gelitten hatte, ging es nach der Währungsreform 1948 wieder aufwärts. Im Jahr 1958 gab es in der Backnanger Lederindustrie insgesamt 1.945 Mitarbeiter – dies waren 20 Prozent der in Baden-Württemberg und fünf Prozent der in der Bundesrepublik Deutschland Beschäftigten in dieser Branche. Zu den Backnanger Lederfabriken von Weltruf gehörte zu dieser Zeit zweifellos die Lederfabrik Louis Breuninger, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Lieferant für den Schuhproduzenten adidas etabliert hatte. So kam beispielsweise in Backnang gefertigtes Leder bei den Olympischen Sommerspielen 1952 in Helsinki im Bereich der Sprinter zum Einsatz. Durch einen Vertrag mit adidas lieferte Breuninger auch das Leder für die Schuhe, die ab 1974 im Bereich des Profifußballs und der Deutschen Fußballnationalmannschaft verwendet wurden. 

Ende der 1950er-Jahre war allerdings der Höhepunkt in der Entwicklung der Backnanger Lederindustrie erreicht und es setzte der schleichende Niedergang ein, der vor allem von folgenden Faktoren beeinflusst war: Anstieg der Preise bei Rohwaren, zunehmende Konkurrenz durch Niedriglohnländer (vor allem in Asien) und Verschärfung der Umweltauflagen. Außerdem ersetzten immer mehr Kunststoffprodukte das traditionelle Leder und nahmen damit den Lederunternehmen Marktanteile weg. Diese reagierten darauf zunächst mit Rationalisierungsmaßnahmen, mit der Auslagerung von Teilen der Schweizer-Schweizer-Bau aus der zweiten Hälfe derr 1930er-Jahre Fertigung ins Ausland und schließlich mit der Einstellung der Produktion. Bis Mitte der 1970er-Jahre war deshalb die Beschäftigungszahl in der Backnanger Lederindustrie auf unter 1.000 gesunken und hatte sich damit in rund 15 Jahren fast um die Hälfte verringert.

Als letzter Schritt zum endgültigen Aus für die Backnanger Lederindustrie sollte sich die ungelöste Abwasserproblematik erweisen. Anfang der 1970er-Jahre musste festgestellt werden, dass die Murr „ein totes Gewässer“ sei. Dies lag natürlich nicht allein an den Industrieabwässern, sondern auch an Abwässern von Haushalten, die zum Teil ungeklärt in die Murr liefen. Die bis dahin gebauten Kläranlagen entlang der Murr waren entweder veraltet oder hatten nicht genügend Kapazität, um die zunehmende Menge an Abwässer aufzunehmen. Die Stadt Backnang reagierte darauf mit Verbesserungen an der Kläranlage in Neuschöntal, an deren Finanzierung sich nicht zuletzt auch die noch bestehenden Lederfabriken beteiligen sollten. Da dies mit hohen Kosten verbunden war, bedeutete dies für die meisten Backnanger Lederbetriebe das Aus. Mit der Schließung der letzten Lederfabrik war 2013 letztlich das Ende des traditionellen Lederstandortes Backnang gekommen. 

Abbildung
Eine Lederwalze aus den 1920er-Jahre
Sohlenleder wurde im letzten Arbeitsgang mit einer über Transmission angetriebenen Lederwalze geglättet und verdichtet. Das Walzenrad fuhr dabei mit hohem Druck einmal längs und einmal quer über das Leder. Der Anpressdruck konnte auf verschiedene Stärken eingestellt und auf bis zu 20 Tonnen erhöht werden. Die Lederwalze stammt aus der ehemaligen Gerberei Hindenach in Sulzbach/Murr.

Redaktion backnang.online