Ehemalige Lederfabrik Gebrüder Räuchle
Fabrikstraße 43 – 58, Backnang
Rotgerbermeister Wilhelm Räuchle (1858 bis 1939) begann seine berufliche Laufbahn als Lederfabrikant in der Gartenstraße 118. Dort errichtete er 1890 ein Wohn- und Gerbereigebäude und erweiterte es in den darauf folgenden Jahren. 1899 musste die Lederfabrik jedoch Konkurs anmelden und schließen. Räuchle fand Arbeit als Betriebsleiter in der Lederfabrik seines Schwagers Paul Breuninger (1858 bis 1928) in der Fabrikstraße 43. Diese war im Jahr 1898 erweitert, auf Dampfkraft umgestellt und mit neuen Maschinen ausgestattet worden. Der Gebäudekomplex erstreckte sich nun auf ein 810 Quadratmeter großes Areal. Nach dem Tod Paul Breuningers im Jahr 1928 wurde die Fabrik von Wilhelm Räuchles Söhnen, Christian (1897 bis 1981) und Max (1902 bis 1976), übernommen. Sie vergrößerten ihr Unternehmen entlang der Murr. Zuletzt produzierte es Spezialleder und Leder auf der Basis von natürlichen Gerbstoffen, das für die Schuhherstellung genutzt wurde. 2013 schloss die Lederfabrik der Gebrüder Räuchle ihre Tore in Backnang und verlegte die Produktion nach Polen. Dies war auch gleichzeitig des Ende der Lederindustrie in Backnang.
Schaut man heute auf den Gebäudekomplex in der Fabrikstraße 35 – 43, so sieht man das 1898 erbaute und 1922 aufgestockte zweigeschossige Fabrikgebäude der Lederfabrik mit seinem Kesselhaus Richtung Murr. Der Schornstein auf der Rückseite ist ein weiteres Wahrzeichen der untergegangenen Lederindustrie in Backnang. Betrachtet man die Anbauten links und rechts von dem Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Fabrikbau kann man sofort erkennen, dass es sich durch ihre strenge geometrische Gliederung und ihre
Flachdächer um weitere Zeitzeugen der Industriearchitektur des 20. Jahrhunderts handelt. Nach dem Ende der Lederfabrik 2013 blieben die Gebäude im Eigentum der Familie Räuchle und wurden vermietet.
Zur Lederfabrik Räuchle gehört auch ein Gebäude, das mit seiner eleganten Erscheinung in völligem Kontrast zu den kahlen, schmucklosen und nĂĽchtern den Industriegebäuden seiner Umgebung steht: die 1921 in der heutigen FabrikstraĂźe 58 erbaute Fabrikantenvilla. Wie bereits erwähnt, erlebte die Lederindustrie in Backnang vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen enormen Aufschwung. Aus kleinen Gerbereibetrieben entwickelten sich groĂźe Lederfabriken, die durch den Einsatz von Dampfmaschinen ihre Produktion stetig steigerten. Diese Entwicklung spiegelte sich auch in den Wohn verhältnissen der Fabrikanten wider. Während sie zuvor noch in schlichten Wohnhäusern auf dem Fabrikgelände lebten, änderte sich die Wohnsituation im Zuge der Industrialisierung. Die Einheit von Wohnen und Arbeiten wurde immer mehr aufgehoben. So entstanden repräsentative Villen der Industriellenfamilien, die deren Status nicht nur im wirtschaftlichen, sondern auch im politischen und gesellschaftlichen Leben verdeutlichten.Â
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Das dreigeschossige Gebäude der Familie Räuchle thront auf einer kleinen Erhöhung – freistehend mitten im grünen Park. Es erinnert an die Zeit des Klassizismus, die in der Ästhetik viel Wert auf Symmetrie und geometrische Grundformen gelegt hat. Der quadratische, klare Grundriss wird im Zentrum durch einen zweigeschossigen halbrunden Erker mit einem Balkon aufgebrochen. An der Nordwestfassade schließt sich ein 1949 – 50 errichteter Anbau mit Dachterrasse an. Die Villa aus der Zeit des großbürgerlichen Stils gehört sicher zu den architektonischen Höhepunkten der Stadt und befindet sich heute noch im Eigentum der Familie Räuchle.
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Redaktion backnang.online