Gebäudekomplex der ehemalige Lederfabrik Gebrüder Räuchle | Fabrikstraße | © BJ. Lattner

Wie geht es weiter in der FabrikstraĂźe?

Ein Interview mit Maximilian Räuchle zur IBA ’27

Zum Projektgebiet Backnang West, das in das Programm der Internationalen Bauausstellung 2027 (IBA ’27) aufgenommen wurde, gehört auch die ehemalige Lederfabrik Räuchle in der Fabrikstraße. Der Gebäudekomplex liegt zentral im IBA-Areal zwischen Fabrikstraße und Murr und besteht aus Bauten verschiedener Epochen – der älteste Teil stammt noch aus dem 19. Jahrhundert. Ziel der IBA ’27 ist es, das früher industriell geprägte Gebiet aufzuwerten und Impulse für zukünftige Wohn- und Arbeitsformen zu geben. Wir haben mit Eigentümer Maximilian Räuchle über den aktuellen Stand gesprochen.

Maximilian Räuchle | © BJ. Lattner

 

Herr Räuchle, seit dem städtebaulichen Wettbewerb 2021 und dem IBA-Festival 2023 ist es öffentlich recht still um das Projekt Backnang West geworden. Was passiert aktuell?
Nach außen hin mag es ruhig wirken, im Hintergrund wurde aber intensiv gearbeitet. Es wurden zahlreiche Gutachten erstellt und Planungen überarbeitet. Seit 2021 hat sich zudem viel verändert – Corona, gestiegene Zinsen und damit der drastische Rückgang im Wohnungsbau sowie der ökologische Umbau unserer Gesellschaft haben die Rahmenbedingungen deutlich verschoben und verschlechtert.

Der städtebauliche Wettbewerb war international ausgerichtet. Wie haben Sie diesen Prozess erlebt?
Die Grundkonzeption für den Wettbewerb wurde gemeinsam von Stadt, Bürgern und Eigentümern erarbeitet, anschließend wurden Architekturbüros aus aller Welt eingeladen – aus Chile, New York oder Montreal. Gewonnen haben schließlich Büros aus Berlin und Hamburg. Ich verstehe den internationalen Anspruch, frage mich aber, ob sich solche Büros wirklich mit der Backnanger Identität verbinden können. Die damaligen Entwürfe sahen den Abriss großer Teile des Areals vor, die durch Neubauten, teilweise Hochhäuser, Tiefgaragen und sogar Gewächshäuser auf Flachdächern ersetzt worden werden.

Heute wird stärker über den Erhalt von Gebäuden gesprochen. Was hat zu diesem Umdenken geführt?
Es geht es um die Atmosphäre des Areals. Es ist ökologisch sinnvoll, bestehende Bausubstanz zu erhalten. Mein Wohnhaus stand ursprünglich sogar auf der Abrissliste – heute gilt es als stadtbildprägend. Das zeigt, wie sehr sich die Bewertung verändert hat.

Wie sehen die aktuellen Planungen fĂĽr das Umfeld der FabrikstraĂźe aus?
Auf einer Sitzung des technischen Ausschusses erläuterte der erste Bürgermeister Setzer, dass sich die Stadtwerke an Ihrem Standort räumlich verkleinern. Auf dem freigewordenen Gelände soll ein neuer Aldimarkt mit Wohnungen in den oberen Etagen gebaut werden. Auf dem jetzigen Aldi Areal soll ein Parkhaus für TESAT Mitarbeiter entstehen. Dies ist notwendig, da auf dem derzeitigen TESAT Parkplatz bei der Lohmühle ein grüner Park mit Murrzugang als Naherholungzentrum für die Bevölkerung geplant ist. Zwischen dem „neuen“ Aldi und dem Parkhaus soll eine Brücke über die Murr zur Erschließung der unteren Fabrikstraße entstehen.Ein Zeichen für eine Aufwertung des Areals war die zwischenzeitliche Erstellung eines schmucklosen Containerdorfs vor der historischen Lohmühle und dem Murr Prallhang nicht. Manchmal habe ich allerdings Zweifel ob dieser Beschluss des technischen Ausschusses so realisiert werden soll und kann. 

Warum?
Weil es insgesamt viele ungelöste Rahmenbedingungen gibt. Ein zentrales Thema ist der Hochwasserschutz. Die neuen Hochwasserlinien sollten ursprünglich 2023 vorliegen, nun rechnet man frühestens 2028 damit – wenn alles gut läuft. Auch die Regenrückhaltebecken bei Oppenweiler und Strümpfelbach sind noch nicht fertig und gehen auch in die Berechnungen ein. Das sind aber grundlegende Voraussetzungen für weitere Planungen.

Welche Auswirkungen hat das konkret auf Ihr Areal?
Wir liegen im HQ-100-Gebiet direkt an der Murr. Das bedeutet: Dort können wir nichts Neues bauen. Man könnte die bestehenden Gebäude abreißen und auf den Grundmauern neu errichten, aber dabei entsteht nichts Sinnvolles, weder optisch noch finanziell. Wir haben bereits zahlreiche Schadstoff und Bodengutachten erstellen lassen, aber ob diese 2030/2040noch dem Stand der Technik genügen ist fraglich. Dann muss wahrscheinlich alles neu gedacht und geprüft werden. Das verzögert das Projekt weiter. Der Stadt mache ich da keinen Vorwurf, sie ist vielleicht etwas zu optimistisch an die Sache herangegangen – ich allerdings auch. Diese Problematik trifft ja auch die DB, das Land BW und Stuttgart!

Trotzdem sehen Sie die IBA ’27 grundsätzlich positiv?
Absolut. Die IBA bietet große Chancen, neue Ideen umzusetzen und aus dem bisherigen Schattendasein des Quartiers West herauszukommen. In diesem Bereich gibt es bislang nicht einmal Bebauungspläne. Es musste hier einfach etwas passieren. Deshalb war ich von der Idee der IBA ’27 von Anfang an sehr angetan.

Sie plädieren für mehr Erhalt historischer Bausubstanz. Warum ist Ihnen das wichtig?
Weil diese Gebäude den Charakter des Gebiets ausmachen. Im Biegel etwa fand ich es schlimm, dass alles abgerissen wurde. Das lag sicher auch an der damaligen Zeit, aber es gab dort interessante Gebäude, die man hätte erhalten können. Das hätte dem Quartier gutgetan.

Wie bewerten Sie die EntwĂĽrfe aus dem Wettbewerb rĂĽckblickend?
Der internationale Anspruch ist nachvollziehbar, aber Ideen aus Berlin funktionieren hier nicht automatisch. Ein Beispiel ist der Vorschlag, alte Lederwerksgebäude mit Gewächshäusern aufzustocken, in denen die Bewohner Gemüse anbauen. Das mag in einer Großstadt sinnvoll sein, aber im unteren Murrtal gibt es ausreichend Grünflächen. Für eine ländlich geprägte Region ist das eher eine symbolische Idee.

Gab es eigene Nutzungsideen fĂĽr Ihr GrundstĂĽck?
Uns gehört nur der lange Gebäudestreifen zwischen Murr und Fabrikstraße. Dort hätte ich mir gut betreutes Wohnen vorstellen können – ruhig gelegen, stadtnah und mit guter ÖPNV-Anbindung. Es gab sogar einen Interessenten, der dann aber abgesprungen ist. Wirtschaftlich ist das Thema derzeit schwierig. Aktuell sind alle Flächen vermietet, verschiedene Firmen nutzen die Gebäude gewerblich. Insgesamt sind wir als Eigentümer eher ein kleiner Akteur, unsere Flächen sind im Vergleich zu denen der anderen Eigentümern nicht besonders groß.

Wie fällt Ihr Gesamtfazit zu Backnang West aus?
Ich halte das Projekt für eine sehr gute Idee, um das Gebiet zu öffnen und für die Bürgerschaft nutzbar zu machen. Die IBA ist ein starkes Instrument. Ich bin dankbar, dass ich daran teilnehmen durfte. Sie hat Impulse gesetzt und etwas in Bewegung gebracht. Selbst wenn die Umsetzung erst 2030 oder sogar 2040 erfolgt – was die Stadt inzwischen einräumt – bleibt die IBA ein wichtiger Anstoß für neue Denkansätze.

Interview: Redaktion backnang.online | Klaus J. Loderer