Acht Nussbäume vor dem Fruchtkasten
Vor 150 Jahren in Backnang – Teil 5
Historische Anzeigen sind eine interessante Quelle. In der früheren Backnanger Zeitung „Der Murrthal-Bote“ erschien am 4. Januar 1876 eine Anzeige des Kameralamts Backnang über eine Versteigerung von Nussbäumen: „Die vor dem Fruchtkastengebäude stehenden 8 Nußbäume werden Samstag den 8. Jan., Morgens 9 Uhr, auf der Kameralamtskanzlei im öffentlichen Aufstreich verkauft, wozu man Liebhaber einladet.“ Netterweise folgt dann ein Fehler, der vielen Menschen an einem Jahresanfang passiert. Es wurde die Jahreszahl 1875 abgedruckt – statt 1876. Es geht um die Ankündigung einer öffentlichen Versteigerung dieser Bäume.
Es standen also damals acht Nussbäume vor dem Fruchtkastengebäude. Dem heutigen Menschen stellt sich dann gleich die Frage: wo war dieser Fruchtkasten und was war überhaupt ein Fruchtkasten? Es handelte sich um eine große Scheune, in denen „Frucht“ – also Getreide gelagert wurde. Eigentümer war der Staat, das war damals das Königreich Württemberg, hier vertreten durch das Königliche Kameralamt, einer Unterbehörde der Regierung des Neckarkreises in Ludwigsburg, die für die staatlichen Liegenschaften zuständig war und im Stiftshof in dem großen Fachwerkhaus mit dem Torbogen, in dem viele Jahre das Finanzamt war, ihren Sitz hatte.
Auch der Fruchtkasten selbst befand sich im Stiftshof. Es handelt es sich um das jetzige Amtsgericht. Dieses im frühen 17. Jahrhundert errichtete und immerhin vom bekannten württembergischen Baumeister Heinrich Schickhardt geplante Gebäude sollte eigentlich einmal ein Schloss der württembergischen Herzöge werden, wurde aber nie vollendet und dann nur als Fruchtkasten benutzt. 1875 bis 1877 wurde das Gebäude schließlich für die Verwaltung des Oberamts und das Oberamtsgericht ausgebaut. Aus den Oberämtern gingen im 20. Jahrhundert die Landkreise hervor.
Vor dem heutigen Amtsgericht standen damals also die öffentlich versteigerten acht Nussbäume. Diese werden sogar in der 1871 erschienenen „Beschreibung des Oberamts Backnang“ erwähnt: „Vor der Südseite des Schlosses steht eine schattige Allee von Nußbäumen.“ Wie groß die Walnussbäume waren, erfahren wir nicht. Sie dürften aber wohl nicht so groß gewesen sein, so dass man sie wohl versetzen konnte, denn sonst wären sie vermutlich als Brennholz verkauft worden. Der Stiftshof erhielt in den 1870er-Jahren ein neues Gesicht. So wurde etwa eine weitere große Scheune abgerissen. In der Mitte entstand ein umzäunter Garten für den Oberamtmann und den Amtsrichter.
Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 6 | Teil 7Redaktion backnang.online | Klaus J. Loderer